Was passiert eigentlich mit einem toten Tier in der Natur?
Was für uns vielleicht befremdlich wirkt, ist für das Ökosystem unverzichtbar. Auch wenn man es erst auf den zweiten Blick bemerkt, fällt auf, dass ein totes Wildtier vor unzähliger lebender Arten strotzt, die auf den Kadaver angewiesen sind. Tatsächlich sind Kadaver Hotspots der Artenvielfalt. Aufgrund ihrer bedeutenden Rolle für das Ökosystem, sollte die voreilige Beseitigung von Kadavern daher unbedingt gut überdacht werden.

Die sogenannte Kadaverökologie beschäftigt sich genau mit diesen Themen. Aus zahlreichen Untersuchungen konnten sogar genaue Energie- und Nährstoffwerte ermittelt werden, die von einem Kadaver aus zurück in den Boden gehen. So trägt z.B. ein 21kg schwerer Rehkadaver dazu bei, dass während seiner Zersetzung bis zu 4kg Stickstoff in einen Quadratmeter Boden zurückgehen. Das entspricht etwa einer landwirtschaftlichen Düngung über 100 Jahre hinweg.
Die in kurzer Zeit entstehenden hochkonzentrierten Nährstoffbereiche werden auch „Zersetzungsinseln“ genannt und sind essenziell für bodenbewohnende Bakterien sowie Pilze und Insekten, die sich im Laufe der Evolution perfekt an diese unvorhersehbare Ressource angepasst haben.

Das bewusste Belassen oder sogar Anreichern von Aas in der Fläche ist auch für die Nationalparks ein relativ neues Projekt. Dementsprechend gab es auch nur wenige Untersuchungen bezüglich der Wirkung solcher Maßnahmen auf allgemeine ökologische Prozesse im Kadaverumfeld. Aus diesem Grund wurde am 01. Oktober 2022 das BfN-Förderprojekt „Belassen von Wildtierkadavern in der Landschaft – Erprobung am Beispiel der Nationalparke“ von der Universität Würzburg ins Leben gerufen. Das Projekt geht zunächst bis zum 30. Juni 2027 und soll die versteckte Biodiversität am Kadaver in 15 deutschen Großgebieten, u.a. im Wattenmeer, ermitteln. Im Laufe des Projekts wurden 2023 und 2024 gezielt Reh- und Seehundkadaver, welche auf natürliche Weise gestorben sind, an ausgewählten Orten im Nationalpark ausgelegt. Die Veränderung der Kadaver wurde dann für mindestens 30 Tage beobachtet.
Ziel ist es, anhand von zahlreichen wissenschaftlichen Beobachtungen und Untersuchungen Handlungsempfehlungen für die jeweiligen Schutzgebiete zu erstellen, um die Auswirkung auf die Diversität der Kadaververwerter langfristig zu optimieren.

Kadaver sind also kein „Abfall“ der Natur- sie sind ein Motor des Lebens.
Solltet ihr in der Natur einen Kadaver entdecken, haltet bitte unbedingt genügend Abstand ein. Tierseuchen, die u.a. von Seehunden und Vögeln weitergegeben werden, können auch ein Gesundheitsrisiko für den Menschen darstellen. Berührt deswegen bitte keine Kadaver und achtet darauf, dass eure Hunde angeleint sind. Bei dem Fund von einem Seehundkadaver ist das Nationalpark-Haus Seehundstation in Norddeich zu informieren (04931 973330, fund@seehundstation-norddeich.de). Bei allen weiteren Tieren bedarf es in der Regel keiner besonderen Meldung.